Dienstag, 17.03.2026

Theatermacher Manfred Beilharz übergibt umfangreichen Vorlass an Stadtarchiv Wiesbaden

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Der frühere Intendant und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen beruflichen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Die Schenkung wurde am Donnerstag, 22. Januar, im Kulturdezernat am Schillerplatz formell abgeschlossen. Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl nahm den Vertrag für das Stadtarchiv entgegen. Mehr als dreißig Kisten mit Material sollen dem Archiv übergeben werden.

Stationen einer langen Karriere

Beilharz, gebürtig aus Böblingen, begann nach Studien in Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie einer Promotion in Theater und Urheberrecht als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen. 1967 nahm er die Aufgaben als Oberspielleiter und Chefdramaturg am Westfälischen Landestheater in Castrop Rauxel wahr. Seine erste Intendanz trat er mit 30 am Landestheater Tübingen an. Weitere Leitungsstationen waren die Städtischen Bühnen Freiburg im Breisgau von 1976 bis 1983, das Staatstheater Kassel von 1983 bis 1991 und das Theater in Bonn, wo er von 1991 bis 2002 wirkte. In Bonn wurde er 1997 zum Generalintendanten berufen.

1993, 1996 und 1999 wurden Produktionen aus Bonn zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Beilharz erinnert an eine frühe Aufführung mit der damals jungen Johanna Wokalek in Rose Bernd, die mit dem Alfred Kerr 3sat Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2002 wechselte er nach Wiesbaden und prägte dort das Hessische Staatstheater über mehr als ein Jahrzehnt. Insgesamt spannt seine Laufbahn mehr als fünfzig Jahre und umfasst neun berufsbedingte Umzüge.

Festivals, internationale Vernetzung und Auszeichnungen

Als Festivalmacher gründete Beilharz mehrere Veranstaltungsreihen, darunter 1976 das Theaterfestival Freiburg, 1987 das Festival Spielräume zur documenta 8 in Kassel und 1990 das Festival Theater im Aufbruch mit sowjetischem Theater nach Perestrojka und Glasnost. 1992 initiierte er zusammen mit Tankred Dorst in Bonn die Biennale Neue Stücke aus Europa, die er in Wiesbaden fortsetzte und die als wichtiges Forum für Gegenwartsdramatik gilt.

Internationales Engagement kennzeichnete seine Arbeit auch auf institutioneller Ebene. Beilharz gehört seit 1993 dem Internationalen Theaterinstitut bei der Unesco an. Von 2002 bis 2008 war er dessen Weltpräsident, heute ist er Ehrenpräsident. Zu seinen Auszeichnungen zählen das Bundesverdienstkreuz am Bande, der Stanisław Ignacy Witkiewicz Preis, die Goethe Plakette, der Hessische Verdienstorden sowie die Ehrenplakette der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Inhalt und Bedeutung des Vorlasses

Der übergebene Vorlass umfasst Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungs skizzen, Briefe an Rechtsträger, sonstige Korrespondenz und Presseausschnitte. Stadtarchivdirektor Dr. Peter Quadflieg betonte, dass gerade die Dokumentation der internationalen Stationen und Gastspiele den Wert des Bestandes ausmache. Die Materialien geben Einblick in Einladungen, Koproduktionen und Festivalengagements, mit denen Beilharz dem Theater eine übernationale Ausrichtung gab.

Bei der Unterzeichnung brachte Beilharz ein besonderes Objekt mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn. Das Instrument wurde ihm von Hanna Munitz, der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, als Dank für gemeinsame Produktionen überreicht. Beilharz erinnerte an die Zusammenarbeit bei Alban Bergs Wozzeck, die 2005 in Tel Aviv mit großer Resonanz gezeigt wurde. Bei der kleinen Zeremonie im Kulturdezernat ließ der 87 Jahre alte Vorlassgeber das Schofar erklingen.

Kulturdezernent Dr. Schmehl zeigte sich dankbar für die Schenkung und betonte, dass die Unterlagen nun dauerhaft in der Obhut der Landeshauptstadt aufgehoben werden. Beilharz selbst zog eine persönliche Bilanz seiner Arbeit. Er hob hervor, dass seine Theaterarbeit regional verankert und zugleich international orientiert gewesen sei und dass Kulturarbeit stets auch politische Dimensionen habe. Zugleich äußerte er die Hoffnung auf einen verstärkten internationalen Austausch, angesichts der veränderten politischen Verhältnisse in Teilen der Welt.

Das Stadtarchiv wird die Materialien übernehmen, ordnen und der wissenschaftlichen Nutzung zugänglich machen. Der Bestand soll Forschenden ermöglichen, die internationalen Netzwerke und Festivalaktivitäten dieser Theaterkarriere nachzuvollziehen.

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